Transamazonica

Teil 4: Entlang des Rio Tapajos

Lagerfeuer im Dschungel

 

Von Itaituba nach Jacareacanga, 400 km

3. November

English Version Ich schätze, dass ich - trockenes Wetter vorausgesetzt - ungefähr 4 bis 5 Tage für die 400 Kilometer von Itaituba bis Jacareacanga benötige. Und ungefähr die gleiche Zeit, um mir den Namen "Jacareacanga" zu merken...

Der Jeepfahrer, den ich gestern getroffen habe, hat mir erzählt, das es eine sehr schlechte Piste sei und noch dazu sehr hügelig, obwohl es auf der Landkarte flach am Fluss entlangzugehen scheint. Es gäbe keinerlei Verpflegungsmöglichkeiten, außer in einem kleinen Dorf, so klein, das es nicht einmal einen eigenen Namen hat. Man nennt es einfach nur "Kilometro 180". Außerdem würde es von Schlangen, Spinnen und Jaguaren nur so wimmeln und es wäre völlig unmöglich, ohne Vierradantrieb oder gar mit einem Fahrrad durchzukommen. Da er aber "wahrscheinlich morgen oder übermorgen" fahren würde, bot er mir zum Schluss sogar besorgt an, mich kostenlos mitzunehmen, ein Angebote, dass ich so schnell wie möglich und äußerst energisch abgelehnt habe, bevor ich mich doch noch zur Vernunft bringen lasse.

Trotz all der schlechten Nachrichten über den weiteren Verlauf bin ich dennoch froh, dass es überhaupt weitergeht. Immerhin habe ich eineinhalb tausend Kilometer lang gehört, die Strecke wäre schon vor zig Jahren aufgegeben worden und längst wieder zugewachsen. Ich hätte jetzt wirklich keine Lust gehabt, tagelang auf irgendwelchen Bananendampfern herumzugammeln. Den Rio Tapajós runter bis Santarem, dann von Santarem den Amazonas hoch nach Manaus, und von dort aus über den Rio Madeira bis Porto Velho... da hätte ich länger gebraucht, als ich jetzt für die restliche Strecke mit dem Rad einplane.

Bis ich aus dem Hotel komme ist es schon nach 7 Uhr. Normalerweise fahre ich ja spätestens bei Sonnenaufgang los, in dieser Gegend ist das so zwischen 5 und halb 6, aber heute leide ich ja immer noch unter der gestrigen Feier, und außerdem muss ich noch ein paar Einkäufe tätigen.

Zum einen brauche ich einen ganzen Schwung Ersatzschrauben, da ich doch schon einige verloren habe. Am Fahrrad, meine ich. Vor allem aber brauche ich dringend neue Bremsklötze. Die waren zwar nagelneu, als ich in Belem losgefahren bin. Aber beim Bremsen mit Schlamm als Schmirgelpaste konnte man in den letzten Tagen fast zuschauen, wie sie sich abgenutzt haben. Teilweise hatte ich sie schon bis auf den Metallkern heruntergehobelt und musste sie anders herum montieren.

Tatsächlich finde ich eine kleine Fahrradwerkstatt, wo ich passende Bremsklötze allerfeinster Qualität "made in China" erstehen kann.

Lebensmittel brauche ich hingegen keine einzukaufen. Ich schleppe noch immer genügend Vorräte aus Belem mit mir herum. Bisher habe ich meinen schönen neuen Benzinkocher kein einziges mal angefeuert.

Am Rio Tapajos

Die Straße durch die Außenbezirke Itaitubas ist nichts für die Bandscheiben: Kilometerlang geht es über eine üble, geschotterte Waschbrettpiste, die einem das letzte bisschen Verstand aus dem Schädel schüttelt. Was unangenehmeres gibt es nicht, außer vielleicht tiefen Sand oder Schlamm, aber da fährt man ja nicht, sondern schiebt und trägt.

Gerade habe ich die letzten Hütten hinter mir gelassen, als - kawumm- der vordere Gepäckträger wieder einmal herunterkracht. Kein Problem, denke ich mir, denn genau für diesen Fall habe ich mich ja vorhin mit Ersatzschrauben eingedeckt. Aber diesmal ist es nicht, wie unzählige Male zuvor, eine der beiden Befestigungsschrauben, die da abgebrochen war, sondern die komplette Öse an der Vorderradgabel. Was lehren uns Murphys Gesetze? Niemals Ersatzteile mitnehmen, sonst geht was völlig anderes kaputt...

Jetzt muss ich dieses ganze blöde Stück wieder zurück, um mir das Teil irgendwo wieder anschweißen zu lassen. Notdürftig fixiere ich den lockeren Träger mir ein paar Windungen Draht und mache mich wieder auf den holprigen Rückweg. Doch nach ein paar Metern stelle ich fest, das meine Notlösung gar nicht mal übel ist. Es scheint jetzt sogar weniger zu wackeln als vorher. Na sowas. Ich zurre das ganze noch ein klein wenig fester, drehe ein paar Proberunden, und fahre dann einfach mal drauflos. Vielleicht hält's ja.

Es ist herrliches Wetter, für die nächsten zwei Stunden folgt die Straße auf einer Anhöhe dem Fluss und man hat eine herrliche Aussicht auf das blaue Wasser, die weißen Sandbänke und den dichten, grünen Wald.

Dann aber führt die Strecke etliche Kilometer ins Hinterland, wo die Hügel viel höher sind.

Im Nationalpark

Dort erreiche ich auch bald ein altes, rostiges Schild, das den Eingang zum Amazonas Nationalpark ankündigt. Für mich bedeutet das 130 Kilometer unberührten Wald, "unberührt", wenn man mal von der Piste absieht, die sich wie eine hässliche Narbe quer durchzieht. Ansonsten gibt es aber weder Häuser noch Bars noch Restaurants, und schon gleich gar keinen der einem im Notfall irgendwie weiterhelfen könnte.

Direkt am Eingang steht noch eine allerletzte Hütte, ein Außenposten der IBAMA, also der brasilianischen Umweltschutzbehörde. Ein Parkwächter oder ähnliches ist nirgends zu sehen, aber dafür entdecke ich jemand anderes: Ausgerechnet hier, am bisher abgelegensten Winkel läuft mir zum ersten mal seit Belem wieder ein anderer Tourist über den Weg. Marcus, ein Brasilianer aus São Paulo, sitzt dort am Straßenrand auf seinem Rucksack und wartet auf eine Mitfahrgelegenheit ins Parkinnere.

Die kann ich ihm zwar nicht bieten, aber für ein kleines Schwätzchen bin ich allemal zu haben. Er erzählt mir, dass er vorhat, sich einen Monat lang allein quer durch den Dschungel zu schlagen und ich schaue ihn nur ungläubig an und denke mir "So ein Spinner". Dann erzähle ich ihm, dass ich noch bis zum Rio Madeira radeln will, und er guckt mich genauso komisch an...

Im Schatten eines großen Baumes unterhalten uns eine ganze Weile über diverse urlaubsrelevante Themen. Eines davon wird besonders ausgiebig diskutiert, nämlich "Onças". Markus schleppt zu seiner Verteidigung einen langen, spitzen Bambusspeer mit sich herum, um die Jaguare im Notfall auf Distanz halten zu können, während ich auf meine Machete vertraue, die ich - immer griffbereit - auf meinen hinteren Gepäckträger geschnallt habe. Beide "Waffen" helfen einem natürlich nur in dem unwahrscheinlichen Fall, das man das Tierchen auch rechtzeitig bemerkt, bevor es einem ins Kreuz springt, und so sind wir uns ziemlich einig, dass das ganze rein psychologischen Wert hat.

Ich bin zwar kein Biologe, aber irgendwie halte ich das ganze Gerede ohnehin für völlig übertrieben. Jeder erzählt einem hier, wie gefährlich die Jaguare wären, aber ich habe bisher noch niemanden getroffen, der tatsächlich einen in freier Wildbahn gesehen hat. Oder liegt es einfach daran, das diese Leute nichts mehr erzählen konnten...??

Transamazonica zwischen und Itaituba und Jacareacanga

Naja, ich lasse mir jedenfalls nicht die Laune verderben. Nach der willkommenen Pause geht's mit frischem Schwung weiter. Die "Straße" ist jetzt nur noch ein 2,50 Meter breite Schneise durch den Wald, enger als ein schlechter Waldweg daheim, und von allen Seiten - oben, unter, rechts und links wachsen die Bäume und Büsche rein. Es geht bergauf, bergab, um mich herum schwirren tausende bunte Schmetterlinge und von unserer "Zivilisation" ist außer meinem Waldweg nichts mehr zu sehen.

Trotz all dieser überwältigenden Eindrücke bleibt das Radfahren ein mühsames Geschäft. Eigentlich würde ich ja gerne entweder auf der rechten oder auf der linken Reifenspur fahren, dort wo es einigermaßen plattgewalzt ist und ruhiger zu fahren wäre. Dort kommt aber dummerweise auch dieses blöde dornige Gestrüpp angewuchert. Ich habe also die freie Wahl, ob ich mir lieber die rechte oder die linke Körperhälfte aufschrubbeln will.

Neben den Dornen hocken in diesem Gestrüpp natürlich auch alle möglichen Viecher herum, und so entscheide ich mich doch lieber für die holprige Straßenmitte...

Das Blätterdach bleibt an vielen Stellen über der Straße geschlossen und bildet so eine Art Tunnel. Willkommener Schatten, dann irgendwie traue ich mich nicht so recht, zum Abkühlen in einen dieser Bäche hier zu hüpfen. Der Nationalpark ist riesig und zu einem Großteil noch völlig unberührt. Wer weiß was da flussaufwärts alles herumkreuch.

Nicht ein einziges Fahrzeug ist heute vorbeigekommen, und am Nachmittag fange ich an, mich zu fragen ob ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg bin. Sollte ich irgendwo eine Abzweigung übersehen haben? Die Piste schaut wirklich nur noch aus wie eine schnell in den Wald geschlagene Schneise. Vielleicht der Zufahrtsweg zu irgendeinem illegalen Holzeinschlagplatz oder einer Kokaindestillerie? Wenn man meinem GPS glauben darf müsste ich noch auf dem rechten Pfad sein, aber so recht glauben will ich das nicht.

Am Abend habe ich immer noch kein Haus und kein Auto gesehen. Es wird bald dunkel und ich muss noch irgendwo Wasser nachfüllen. Dummerweise geht es schon die ganze Zeit nur an trüben Tümpeln vorbei, nirgendwo ist ein sauberer Bach zu sehen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als die braune, modrige Brühe mit Moskitolarven und sonstwas drin in meine Flaschen abzufüllen.

Das wahre Dschungelcamp

Dann brauche ich fast eine halbe Stunde, um im Wald genügend freien Platz für mein Zelt zu schaffen. Während ich noch fleißig am hacken und jäten bin frage ich mich, warum ich denn nicht einfach draußen auf der Piste zelte, wenn eh nix vorbeifährt...

Nachdem ich fertiggeräumt und das Zelt aufgebaut habe muss ich noch mein Trinkwasser für heute Abend und morgen Vormittag abkochen. Zum ersten Mal setze ich meinen neuen Benzinkocher in Gang. Im Zelt ist es auch so schon warm wie in einer Sauna, und der Kocher vor der Tür lässt die Temperatur gleich noch einmal um ein paar Grad steigen. Ich schätze dass ich in der Zeit in der ich einen Liter abkoche einen halben Liter ausschwitze...

Blätter, Holzstückchen und anderes Treibgut fische ich so gut wie möglich heraus, dann koche ich das Ganze, bis sich auch die letzten Moskitolarven aufgelöst haben, aber trotzdem bleibt es eine braune, dreckige Brühe. Für den Tee ist es ja ganz gut, aber zum Rissotto gibt es einen komischen Beigeschmack.

4. November

Wie üblich höre ich die ganze Nacht seltsame Geräusche rund ums Zelt, und ich hoffe, das keines davon von einem Jaguar stammt. Um 4 Uhr früh fangen die Vögel und Affen an zu lärmen.

Tierleben

Ich fahre früh los. Auf der Piste laufen und kriechen unzählige Viecher, entweder gerade erst wachgewordene oder die von der Nachtschicht, die gerade auf dem Heimweg sind... Später werden es immer mehr Schlangen und Spinnen, ich sehe alle möglichen Sorten und alle möglichen Farben, zwar immer nur aus sicherer Entfernung, aber trotzdem irgendwie beunruhigend. Ich versuche ein paar auf Film zu bannen, aber bis ich meinen Foto herausgekramt habe sind immer alle verschwunden. Das einzige Tier das ich tatsächlich ablichten kann ist eine Schildkröte, die von rechts über die Straße kommt und damit wohl vorfahrtsberechtigt war.

Alltägliche Verkehrshindernisse

Außer für Schlangen und Schildkröten muss ich auch immer öfter anhalten, um über umgestürzte Bäume zu klettern. Die meisten sind allerdings schon von jemandem zurückgestutzt oder plattgefahren worden. Nur einmal ist das Verkehrshindernis noch so frisch, dass ich mir mit meinem Buschmesser den Weg freihacken muss.

Dadurch und durch die unglaublich steilen Hügel komme ich nur langsam voran. Mein Wasser wird knapp, bis zu "Kilometro 180" am anderen Parkende schaffe ich es wohl nicht mehr. Also muss ich nochmal meinen Kocher anschmeißen und noch ein paar Liter Wasser abkochen.

Das Dorf erreiche ich erst am Nachmittag. Es besteht aus ein paar Häusern, einem alten, rostigen Auto, und auf dem Dorfplatz, der wohl gleichzeitig auch der Fußballplatz sein soll parkt ein kleines Flugzeug! Ich frage mich, wo das gelandet sein soll, ich kann nirgends eine Flugpiste entdecken. Aber sogleich finde ich es heraus: Während ich noch so auf der Straße stehe und grüble, welche Hütte wohl das Restaurant sein könnte, donnert eine weitere Cessna über mich hinweg und hupt mich an. Ich habe nicht einmal gewusst, das Flugzeuge Hupen haben, aber offensichtlich hat das mir gegolten. Ich stehe wohl im Weg. Und tatsächlich, gerade gehe ich ein paar Schritt zur Seite als das Ding auch schon wieder angedonnert kommt, mitten auf der Straße landet und dann mit Schwung direkt vor eine Hütte rollt. Zwischen den Bäumen und den Flügelspitzen war vielleicht noch ein Meter. Ein Mann hüpft heraus, verschwindet in einer der Hütten und dann entschwindet die Cessna auch schon wieder, so schnell wie sie gekommen war.

In der Bar ist niemand außer der Bedienung. Sie ist nicht sehr gesprächig, so kann ich denn auch nicht herausfinden, wie die Leute hier ihre Brötchen verdienen. Illegale Goldschürfungen oder Zwischenposten für die Schmuggelroute von Peru zum Atlantik? Keine Ahnung, und ich nehme mal an, es ist hier auch besser, nicht allzu viel zu wissen. Zumindest finde ich heraus, das sämtliche Waren eingeflogen werden müssen, darum ist auch alles dreimal so teuer wie anderswo.

Zwei Stunden später ist es auch schon wieder Zeit, ein Plätzchen für die Nacht zu finden. Heute mache ich mir nicht die Mühe, im Wald zu zelten. Ich baue mein Zelt einfach mitten auf der Straße auf, hinter einem umgestürzten Baum. Es kommt ja eh niemand vorbei.

Nicht ein einziges Auto seit zwei Tagen. Ich frage mich, was Marcus macht. Er sitzt wahrscheinlich immer noch am anderen Parkende auf seinem Rucksack und wartet auf eine Mitfahrgelegenheit.

5. November

Holperpiste Transamazonica

Die Straße ist grauenhaft, seit ich "Kilometro 180" verlassen habe. Wahrscheinlich bin ich seitdem mehr Kilometer gelaufen als gefahren. Die vordere Schaltung funktioniert nicht mehr und ich muss jedes Mal anhalten und "manuell" umschalten, wenn ich einen größeren Gang brauche. Zu allem Überfluss schlängelt sich die Strecke in nicht logisch nachvollziehbaren Windungen durch die Gegend. Zunächst merke ich es gar nicht, aber irgendwann wundere ich mich dann doch, warum mir die Sonne mal ins Gesicht scheint und kurz darauf auf den Rücken brennt. Mittags merkt man das nicht so leicht, da kommt die Sonne senkrecht von oben und man verliert völlig die Orientierung, aber ein Blick auf den Kompass bestätigt meine Vermutung, das der Straßenbautrupp hier wohl besoffen gewesen sein muss.

So langsam wird es hier langweilig. Auf der engen Schneise gibt es nicht viel zu sehen, außer der rot-braunen Piste und dem Grünzeug rundherum. Keine schöne Aussicht und die Büsche schauen im vorbeifahren auch alle gleich aus. Niemanden, mit dem man sich unterhalten kann und nirgends gibt es kühles Bier. Jede Wolke am Himmel lässt mich nervös werden. Wenn es hier anfängt zu schütten könnte ich für lange Zeit festsitzen. Vorräte habe ich für solch einen Fall genügend dabei, aber irgendwie ist es trotzdem eine komische Vorstellung, fernab der gewohnten Welt im Schlamm festzustecken.

Aber bisher habe ich Glück. Wie in den Tropen üblich ziehen zahlreiche Wolken durch, ich komme auch ein paar Mal an noch feuchten Streckenabschnitten vorbei, aber kein Regenguss trifft mich direkt. Diese Art Wolken verursachen heftige Regenfälle, betreffen aber nur einen schmalen Streifen Land. Ein paar Meter außerhalb bleibt man völlig trocken.

Transamazonica-Brücke

Am frühen Nachmittag mache ich mir mein Mittagessen. Dazu mache ich es mir auf einem großen Felsklotz mitten in einem Bach bequem. Der perfekte Platz, um diese nervigen, allgegenwärtigen Ameisen auszutricksen. Während ich da so sitze betrachte ich meine Arme und Beine etwas genauer. Es gibt keinen einzigen Quadratzentimeter mehr, der nicht mit Kratzern und Stichen übersäht wäre. Und auf meiner rechten Hand, die ich mir vor zwei Wochen "verbrannt" habe, entwickeln sich eigentümliche Bläschen.

Es geht weiter wie zuvor. Erst am Abend komme ich an einer kleinen Lichtung vorbei, mitten darauf eine kleine, offene Bambushütte. Irgendwo muss hier jemand sein, ich sehe frisch gewaschene Kleider vor der Hütte und der Herd raucht noch. Aber ich kann niemanden sehen. Ich würde hier ja gern über Nacht bleiben, aber ich fahre dann nach einigem Zögern doch weiter. Der Besitzer hat vermutlich irgendein Schießeisen und könnte nervös reagieren, wenn bei seiner Rückkehr ein Zelt auf seiner Lichtung steht...

Ich schlafe ein paar Kilometer weiter im Dschungel.

6. November

Die Luftfeuchtigkeit im Wald ist so hoch, das es jeden Morgen von den Bäumen regnet. Ich hoffe, es heute bis Jacareacanga zu schaffen und packe darum schon lange vor Sonnenaufgang im "Regen".

So eine blöde Straße. Ich komme trotz der vielen steilen Hügel und der holprigen Piste gut voran, jedenfalls deutlich mehr als 10 kmh, aber es geht immer noch im Zickzack. Laut meinem GPS habe ich Mittags, nach über 6 Stunden Fahrerei, gerade mal 30 Kilometer Luftlinie geschafft.

Brandrodungswanderfeldbau

Aber ich nähere mich der Zivilisation. Ab und an komme ich an ähnlichen kleinen Lichtungen vorbei wie gestern. Aber es ist jedes mal das Gleich: Das Feuer raucht noch, aber es ist kein Mensch zu sehen. Die Hütten bestehen eigentlich nur aus 4 Bambuspfosten und einem Blätterdach. Aber ich würde doch gerne mal jemanden fragen, wie weit es noch ist. Jacareacanga liegt nämlich 10 bis 15 Kilometer abseits der Transamazonica, am Rio Tapajos, und ich möchte nicht die Abzweigung verpassen.

Ich genieße gerade einen schnellen Downhill, als mir wieder einmal ein paar umgestürzte Bäume den Weg versperren. Diese hier liegen allerdings schon länger, sind ausgedörrt und von Autos bereits plattgewalzt worden. Es sollte also kein Problem sein, mit Schwung drüberzufahren. Kein Problem beim ersten, alles klar mit dem zweiten, fast ohne zu wackeln über den dritt... in dem Moment schnalzt diese blöde Liane hoch. Sie wickelt sich wie bei einer Karnickelfalle um meinen rechten Fuß und schnürt ihn runter aufs Pedal. Ein riesen Ruck, das ganze Rad wird nach rechts geworfen und ich kann gerade noch ausbalancieren, nachdem die Liane gerissen ist und Fuß und Pedal wieder freigegeben hat. Uiuiui. Es dauert eine Weile, bis ich wieder Luft kriege. Das wird noch eine Zeit lang weh tun.

Ganz plötzlich öffnet sich dann der Wald und ich erreiche ein paar "richtige" Häuser und eine Abzweigung, die eventuell die nach Jacareacanga sein könnte. Ich fahre ein Stück rein, und schon nach den nächsten Hügeln habe ich Glück. Da steht doch tatsächlich jemand am Straßenrand. Nachdem die anfängliche beidseitige Verwunderung überwunden ist erfahre ich, das es sich hier in der Tat um die Straße in die Stadt handelt und es sei auch nicht mehr weit, nur noch 10 Kilometer oder so, und "nicht sehr hügelig". Während ich mich noch mit dem Mann unterhalte kommen weitere 3 oder 4 Leute aus allen Richtungen an, und sie alle fragen mich, ob ich auch auf dem Weg zum Fest sei. Von einem Fest habe ich natürlich nichts gewusst, aber es scheint ein größerer Event zu sein. Es gibt sogar ein "Party Shuttle", einen alten Toyota Pickup, der hier die Seitenstraße abfährt und die Partygänger einsammelt.

Keiner fragt erst lange ob ich überhaupt mitfahren will, mein Fahrrad wird einfach aufgeladen. Heute fahre ich aber gerne mit, das erspart mir eine oder eineinhalb Stunden in die falsche Richtung. Morgen muss ich die gleiche Strecke wieder zurück, um zurück zur Transamazonica zu kommen.

Noch 2 oder 3 Stops, um Passagiere zuzuladen, dann zähle ich: 16 Personen, 5 Hühner, ein Hund, 5 Schrotflinten, eine davon genau auf mich gerichtet, 10 große Taschen, ein Fahrrad und, das allerwichtigste, eine Flasche Cachaça. Der Fahrer jagt sein Gefährt mit Vollgas über die Piste, Gepäck und Passagiere werden hin und her geschmissen und ich frage mich, ob es wirklich eine so gute Idee war, diese 10 Kilometer abzukürzen.

10 Minuten später sind wir in der Stadt und die mittlerweile geleerte Schnapsflasche wird mitten auf die Straße geworfen.

Jacareacangas Name ist größer als die Stadt selbst. Der Ort hat vielleicht 1000 Einwohner, sein Zentrum ist gerade mal 2 Häuserblocks lang und einen Block breit. Aber es gibt alles, was man braucht. Ein Hotel, einen Krämerladen, eine Apotheke, eine Post und sogar ein öffentliches Telefon. Es ist die größte Stadt auf den nächsten 800 Kilometern.

Sandstrand am Rio Tapajos

Bevor ich mich den Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation hingebe fahre ich noch ein paar Meter aus die Stadt hinaus an die Strände des Rio Tapajos. Der Tapajos ist einer der schönsten Flüsse des Amazonas. Es führt klares Wasser, es gibt große, weiße Sandstrände, viele kleine Stromschnellen und Wasserfälle und immer noch jede Menge Natur. Die Stromschnellen verhindern ein einfaches Navigieren, die 1500 Flusskilometer oberhalb von Itaituba können nur von kleinen Booten befahren werden, und dementsprechend dünn sind seine Ufer besiedelt.

Nach einem ausgiebigen Bad im Fluss lasse ich in einer Werkstatt noch die Öse meines vorderen Gepäckträgers schweißen, dann verfrachte ich meine Habseligkeiten ins Hotel und mache mich schick für den Event des Jahres: Ein neues Restaurant hat aufgemacht, und das sollte doch Anlass genug für eine große Party sein.

Von hier aus bis zum nächsten großen Fluss, dem Rio Madeira, sind es noch 800 Kilometer. Ich schätze, das dieser Abschnitt der schwierigste dieser Tour werden wird. Auf der Landkarte schaut es sehr hügelig aus, es geht über zahllose kleine Flüsse und es gibt unterwegs kaum Ortschaften. Aber die Einheimischen versichern mir, dass es nicht arg hügelig sei...

Até logo

Micha



<-- weiter mit Teil 5


Hauptmenü Radtour Transamazonica

Mail







Click for more South American travelogues
South America Touring Links Collection of South America biking travelogues